Oct
08
2009
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Ich schreibe hin und wieder von einer Begegnung mit Menschen, die mich zu einem interessanten Dialog verführen. Aber ich bin ein Oral-Berserker. Wie ein Wolf, der ein von der Herde abgesondertes, verwundetes Kalb sieht, stürze ich mich in ein Gespräch, wenn es aussieht, als könnte es sich lohnen. Das finde zumindest ich dann im Rückblick ein wenig übertrieben, weil man die Schwachen aufgrund ihrer sozialen Defizite ohnehin nicht bekehren kann und die Guten hören nicht zu, da sie so von sich überzeugt sind. Warum also die Mühe? Um bestenfalls mit einem gebrochenen, unsicheren Häuflein Mensch, das mich verärgert anfunkelt, dieselbe Luft zu teilen? Wenn das meine Motivation ist, dann wäre das traurig. Ich hoffe inständig, es liegt daran, dass ich die Hoffnung nicht aufgebe, die Erkenntnis verbal ans Licht prügeln zu können. Entgegen einer verbreiteten Fehleinschätzung erlangt Erkenntnis vor allem der Sprechende, indem er seine eigenen halbgaren Gedanken in Worten formuliert und versucht, sie jemandem verständlich zu machen. Was wir denken, unterscheidet sich in erheblichem Maße von dem, was wir bereit sind, zu sagen.Im Gespräch ist man gezwungen, logische Zusammenhänge zu erreichen. Wer von hier nach da springt, wird den Zuhörer nur verärgern, weil dieser nichts versteht. In unserem Kopf sind lose Enden wichtig. Sie werden von unserem Gehirn spontan entworfen und zwischengelagert zur weiteren Verwendung. Deshalb heißt es ja auch Brainstorming, wenn man versucht, diese herauszuschütteln und in Reihenfolge zu bringen. Die große Kunst der Rhetorik besteht darin, diese Versatzteile zum richtigen Zeitpunkt aus dem Hut zu zaubern. Wer schon mal versucht hat, spontan und in die Ecke gedrängt eine coole Antwort zu geben, weiß, wie schwer das ist. Worauf will ich hinaus? Hmm. Habt ihr Zeit? Gestern schrieb ich über Hexen, die mit der Hexerei oder dessen Anschein Geld machen wollen und erzählte, dass es Ausnahmen gäbe. Wofür sie auf keinen Fall, nie-und-nimmer-jemals! Geld verlangen dürfen, das will ich hier erörtern. Ich beginne hierfür mit einem Gedanken über Sokrates, gefunden bei Wikipedia: „Sokrates, der Lehrer, tritt regelmäßig als Schüler auf. Nicht er will andere belehren, sondern von ihnen belehrt werden. Er ist der Unwissende, seine Philosophie tritt auf in der Gestalt des Nichtwissens. Umgekehrt bringt er seine Gesprächspartner in die Position des Wissenden. Das schmeichelt den meisten und provoziert sie, ihr vermeintliches Wissen auszubreiten. Erst im konsequenten Nachfragen stellt sich heraus, dass sie selbst die Unwissenden sind.“ Das ist es nämlich! Socki war ein ganz Schlauer. Durch sein Rollenspiel und die Bescheidenheit, die es in diesem Fall dafür braucht, benutzt er den Zuhörer, um seine Gedanken zu ordnen und bringt demjenigen gleichzeitig etwas bei. Nichts gegen Wicca und auswendig chanten, bis der Papst rülpst, aber ich finde den sokratischen Weg für Hexen den einzig konsequent gangbaren. Die Hexe sucht sich Schüler. Und sie benutzt sie, um ihren eigenen Weg, ihre Herkunft und ihre Ziele zu erkennen. Sie kann es auch aus sich selber heraus, aber das ist komplizierter und man verzettelt sich allzu leicht in Gedankenfallen. Gerade, wenn man sich besonders intensiv mit einem Thema beschäftigt, ist der direkte Weg schnell eine Sackgasse. Die Aufgabenstellung mag schrecklich kompliziert scheinen und man findet die Lösung nicht, so lange die Suche auch dauert. Und dann kommt jemand dahergelaufen und findet einen völlig einfachen Weg. „Mach das Fenster zu! Es zieht!“ – „Dreh Dich um, dann drückt’s!“ Der Witz ist für mich mehr eine Metapher für unterschiedliche Sichtweisen. Wenn einen manchmal jemand packen und umdrehen würde, dann wären manche Probleme vielleicht bald keine mehr. Wir brauchen Schüler. Aber eben nicht, um damit Geld zu verdienen und das eigene Ego zu frisieren, sondern, um Erkenntnis zu erlangen. Hexen, die für die Weitergabe ihres Wissens Geld verlangen machen einen Riesenfehler. Immer noch ist die unattraktivste, aber einzig wichtige Lektion, die man lehren soll: Die Kunst der Magie besteht darin, sie nicht zu nutzen. Der Rest steht in jedem Naturkundelexikon. |