Ich war mal jung. Jawohl. Und hatte eine kleine Schwester. Die ist heute nicht mehr klein, aber war in unserer Jugend sehr an Pferden interessiert. Ihre Ferien verbrachte sie oft auf einem Reiterhof, was mich erst zu dem Zeitpunkt tangiert hat, als mich meine Eltern fragten, ob ich denn auch ein Interesse daran hätte.
Ich sagte "Nein! Niemals! Brrr!"

Reiten musste ich, seit ich laufen konnte und mein Großvater mich auf ein Pferd setzte, um mit mir über Stoppelfelder zu galoppieren. Das war wichtig zu lernen, aber wie vieles, was selbstverständlicher Bestandteil eines Alltags ist, kann sich so etwas nicht wirklich als Hobby entwickeln. Es ist für mich bis heute eine Art, sich fortzubewegen, so wie Schwimmen kein Sport ist, sondern eine Möglichkeit, trotz Wasser zu überleben.
Wer das verromantisiert, der läuft oft auch wie ein verhaltensgestörter Hamster im Kreis und nennt es "Joggen".

Ich mag Pferde, aber sehe wenig Sinn darin, Geld dafür zu zahlen, damit man die Tiere anderer Leute bewegt. Ein Hundesitter zahlt ja auch nicht Geld für's Gassi gehen, sondern umgekehrt. Aller Ressentiments zum Trotz bin ich damals aber wirklich für eine Woche auf den Reiterhof mitgefahren, weil die Freundin meiner Schwester krank geworden war, nicht mehr zurücktreten konnte, ich mein Schwesterlein nicht alleine lassen wollte, und überhaupt ... saß ich eine Szene später in einem großen Speisezimmer, umgeben von einer Horde wilder Kinder, die mich mit zusammengekniffenen Augen abschätzend beobachteten. Ich war zwei Jahre älter als der Rest und kam mir eigentlich ziemlich cool vor. Aber ich sollte bald merken, dass Kinder auf einem Ponyhof eine gefährliche Subkultur sind, mit ihren ganz eigenen Regeln...

---Schnitt---

Mein Sohn kommt demnächst in die Schule und wird viele neue MitschülerInnen kennen lernen. Manche werden sich mögen, andere nicht. Er wird merken, dass es immer Leute gibt, die jede Gelegenheit nutzen werden, um darauf hinzuweisen, wie doof man sich in deren Augen gerade benimmt. Es bedarf einer robusten Natur, um unbeschadet durch den Spießrutenlauf der Kindheit zu kommen.

[laaangweilig...]
[Ach wie reizend ...]
[du schreibst eh nur mehr ein- bis zweimal im monat und dann nur noch moralisches zeug]
[Das soll kein Comedy-Weblog sein.]
[wäre vielleicht besser?]
[Ach ... der Herr Künstler weiß Bescheid?]
[ich mein ja nur...]
[Hör auf damit. Ich versuche hier, verwirrte Seelen zu fangen und kanalisieren.]
[und das ungemein erfolgreich ...]
[...]
[schon gut, ich gehe "fanpost" sortieren]

Jetzt stehe ich fast täglich vor der Situation, dass ich richtig laut und ernst schimpfen muß. Das macht mir keine Freude. Und wollt ihr mal etwas Unerhörtes lesen? Hier kommts: Ich glaube, die vereinzelte Prügelstrafe wäre ziviler, als das laute Niederbrüllen, aus Hilflosigkeit gegenüber den grinsenden Kids. Die wissen, dass man nichts in der Hand hat außer dem temporären Liebesentzug und lachen über meinen Wutausbruch. Aber die Hand erheben darf man heutzutage nicht mehr, schon weil man das an Kindern erkennt, wenn sie im Kindergarten andere prügeln, so wie sie es eben von zu Hause kennen. Deswegen bleibt nur verbale Aggression, um Grenzen aufzuzeigen.

(Ich hätte übrigens gerne ein Implantat, das mich brüllen läßt wie ein wütender Löwe, so richtig laut. Einmal kurz gebrüllt, die Umgebung zieht den Schwanz ein, ich lege mich wieder hin, das wäre toll.)

Kinder wollen ernst genommen werden und lernen, wie man mit den dramatischen Situationen im Leben umgehen kann. Wenn man ihnen vorspielt, dass alles easy ist und es immer jemanden geben wird, der sie rausreisst, werden sie in die Irre geführt und mir irgendwann Vorwürfe machen.

Die Träne in der Kindheit erspart den Schmerz der Demütigung in der Jugend. Ich schreie meine Kinder an, weil ich sie liebe und es tut mir mehr weh als ihnen.
(... und hätte niemals gedacht, dass ich diesen Satz jemals verwenden würde)

Neulich hat mein Sohn gesagt, dass er mich lieb hat, auch wenn ich "doof rumschimpfe". Gleichzeitig bekommen wir ständig Komplimente wie gut die Kinder erzogen sind, weil sie ehrlich und von sich aus höflich sind und das bestärkt mich, auch wenn der Drill meiner Laune und den Stimmbändern nicht gut tut. Wir sind wohl strenge Eltern, aber das ist auch gut so.

Ich dachte dereinst, ich könnte es anders machen, aber Erziehung im Frühstadium ist zum Großteil Dressur. Ich denke, dass es ihnen irgendwann deswegen leichter fällt, sich in der Gesellschaft eines Ponyhofs zurechtzufinden.

[eine frage noch?]
[Aber sicher.]
[du weisst, was uns interessiert...]
[Na klar, musste ja so kommen. Also gut: Ich musste auf mein Zimmer gehen ohne Essen, weil ich gezeigt habe, dass es funktioniert, wenn man ein Loch in den Deckel einer Colaflasche bohrt, diese schüttelt und dann echt den ganzen Raum nass machen kann. Ich war ab dem Zeitpunkt der Held, aber das hat leider überhaupt nichts mit der Moral dieser Geschichte zu tun.]
[stimmt, aber laut log lesen die wenigsten deine texte bis zum ende]
[Wie beruhigend.]